Lara Elaina Whitman

Meine Geschichten entführen Sie in das Reich der Fantasie.

Rebellion - Vergebung - Liebe

Ein himmlischer Krieg und ein mächtiges Artefakt aus grauer Vorzeit

 

Ab sofort im Kindleshop bei Amazon und  auch als Taschenbuch oder bei Kindleunlimited. Eine Leseprobe gibt es hier auf der Seite weiter unten oder bei Amazon.

Diesen Roman gibt es nicht im deutschen stationären Buchhandel. Das liegt nicht an mir, sondern an den Buchhandlungen. Dort werden nur selten Fantasyromane in die Auslage gestellt, deshalb lohnt sich das einfach nicht für mich.


Bei meiner Recherchearbeit in Venedig. Eine tolle Stadt! Ich liebe sie.


Kundenrezension bei Amazon:

5,0 von 5 SternenHimmlisch gut - höllisch spannend
4. September 2019Format: Taschenbuch
Eine Schlacht zwischen Himmel und Hölle hinter den Kulissen Venedigs: Davon wäre vor allem die Protagonistin Ella Lordani am liebsten verschont geblieben. Nur, das Problem ist, dass es letztendlich um ihre Person geht, weshalb sich einige der geflügelten Wesen buchstäblich in die Federn geraten. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Ausnahmsweise spielen weder Feen noch Elben, sondern Engel eine Rolle, was mir persönlich gut gefallen hat - das macht diesen Roman einfach anders. Wobei die geflügelten Protagonisten selbst gar nicht so „anders“ zu sein scheinen: es gibt unter ihnen pingelige Bürokraten, verzagte Zögerer, Draufgänger, Verliebte und natürlich die gestrengen Erzengel und die gefallenen Engel - Engel, wie du und ich. So dass ich teilweise mir ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Allerdings hat diese Geschichte vor allem einen sehr ernsten Hintergrund: es geht um Erlösung, Rebellion und letztendlich um Vergebung und Liebe, eingebettet in einen wirklich spannenden Roman, der sich unbedingt lohnt zu lesen.

Übrigens: Dantes Göttliche Komödie zu kennen (zumindest Teile daraus) wäre hilfreich.




Leseprobe

Die letzte Nephilim

von

L. E. Whitman

LESEPROBE




Zum Buch

Markus Stern ist seit Hunderten von Jahren dazu verdammt als Mensch in Venedig zu leben und Dämonen in die Hölle zurückzuschicken. Die Sehnsucht nach dem Himmel macht ihm das nicht gerade leicht. Nur in der Nähe von Ella Lordani geht es ihm besser, aber Liebesbeziehungen zu Menschen sind für Engel verboten und verschlechtern sein Sündenregister.

Beide ahnen nicht, dass das mächtigste Artefakt im ganzen Himmelreich, welches Hölle und Himmel gleichermaßen in ihren Besitz bringen wollen, eng mit ihrem Schicksal verknüpft ist. Gerät es in die falschen Hände, dann ist der letzte Himmelskrieg nicht mehr fern.

Aber was hat Ella Lordani mit all dem zu tun? Und worum geht es hier wirklich?

Begleitet die Beiden in ihr Abenteuer voller Höllen- und Himmelswesen, einem uralten Artefakt und einem großen Geheimnis. Außerdem, was wären Engel ohne Liebe?

Ich wünsche allen viele entspannte Lesestunden mit meinem Roman,

Eure Lara



Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer.

Durch mich geht man in der verlorenen Zelle.

Durch mich geht man zum Leiden ewiger Dauer.

Inschrift des Höllentores

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie

... Mit jenen Engeln, welche nicht Rebellen.

Noch treu dem Herrn, sondern für sich waren.

Der Himmel jagt sie, dass er nichts vom Hellen

Einbüßt, noch birgt man sie im höllischen Schlunde,

Dass nicht die Sünder drob sich höher stellen ...

Aus Hölle, III Gesang 1-51.

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie

 



Inhalt

Vor langer Zeit

Ein paar Jahrhunderte später

Keine Erlösung

Informationen

Unwirklich

Im Café

Ein Plan

Spion

Renovierungspflicht und ein geplatzter Deal

Semjasas Erkenntnis

Seltsames Verhalten

Ein bittender Engel!

Dämonische Retter

Intrigen

Ellas Verwirrung

Himmelsankläger

Alles läuft aus dem Ruder

Ein himmlischer Test

Irres Ding

Der Zorn des Erzengels

Verschwörung im Himmel

Eine Falle

Apolontes Bestrafung

Ablenkungsmanöver

Die letzte Nephilim

Salomons Ring

Wo ist Markus Stern?

Markus Sterns Beichte

Über die Autorin

Alle Romane der Autorin

 

 



 

Vor langer Zeit

Die Gruft war erstaunlich trocken, dafür, dass sie unterhalb des Meeresspiegels lag. Nur Ratten und anderes Getier, das die Dunkelheit nicht fürchtete, war durch schmale Spalten im Mauerwerk herein gekrochen, auf der Suche nach Essbarem.

Leise tropfte irgendwo Wasser. Plopp, plopp, plopp ... stetig, bedrohlich. Ein Geräusch, das in der Staubtrockenheit dieses vergessenen Ortes ein Gefühl von Zeitlosigkeit erzeugte. Ansonsten Totenstille. Schweigen.

Auf einem Steinpodest stand ein offener Sarg, aus schwarzem Granit gehauen und auf Hochglanz poliert. Darin lag ein Mann, schön wie der Tag, die Haut gebleicht vom Tod. Ein Paar stand davor, ebenso schön und von einnehmendem Wesen. Sie weinten bittere Tränen über den Verlust ihres Bruders.

Er hatte sich dafür geopfert, dass sie fliehen konnten, ihr Geheimnis bewahren konnten, vor den suchenden Augen der Spione der verfeindeten Lager.

Die Beiden sahen sich stumm an, sie wussten, dass die Zeit knapp wurde. Wie auf ein Kommando begannen sie komplizierte Rituale auszuführen. Sie waren es ihrem Bruder schuldig, den Übergang in das Nichtsein zu erleichtern und die Pforten zum Abaddon zu öffnen. Sie mussten dort einen Ort schaffen, an dem es keine Erniedrigung und Folter gab.

Nach Stunden des monotonen Murmelns ritueller Beschwörungen und durchführens komplizierter Gesten, war es getan.

Der Mann wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Hand zitterte dabei stark. Er hatte die Hauptlast getragen. Jedes Ritual forderte sein Opfer und dieses hier ein sehr großes. Seines war ein Teil seiner überirdischen Kraft. Niemals wieder würde er seine alte Stärke erreichen. Er schob den unerfreulichen Gedanken zur Seite und sah die Frau an. Nun gab es nur noch sie beide, die Letzten ihrer Art. Die meisten von ihnen waren vor unendlich langer Zeit, bereits im zweiten Himmelskrieg, gestorben. Die, die überlebt hatten, waren gejagt worden, von den Kriegern des Himmels, Geschöpfen mit großer Macht, der ihren weit überlegen. Sie hatten keine Chance gehabt, zumal die Flüsterer vor dem Thron des Allmächtigen ihre Bitten auf Gnade nicht weitergegeben hatten. Der Allmächtige selbst aber mischte sich nicht ein. Das tat er nie. Er überließ die Regentschaft der Erde seinen ersten Vasallen, den Engeln und die wollten die Macht nicht mit Wesen teilen, deren Schönheit und außergewöhnlichen Fähigkeiten den ihren glich. Beides hatten sie von ihren Vätern geerbt, den Gefallenen, Engeln, die einst groß und mächtig im Himmel gewesen waren. Nun waren sie nur noch zu zweit. Zwei von ehemals Hunderten.

Der Mann nahm den Ring von seinem Ringfinger und schob ihn mit entschlossener Miene auf den des Toten. Niemals wieder sollte jemand diesen Ring benutzen können, der seiner nicht würdig war. Nach einem letzten Blick, der sein Herz schmerzen ließ, drückte er den Riegel zum Verschließen des Sarkophages nach unten. Im Sockel unter dem Totenschrein rumpelte es leise. Der schwere Sargdeckel begann sich langsam zu bewegen. Stein schleifte über Stein. Das knirschende Geräusch, verursacht von dem Staub und Sand auf dem Rand des Steinsarges, passte nicht in die Stille dieser Katakombe. Mit einem dumpfen Zischen rastete etwas ein. Dann senkte sich die letzte Ruhestätte ihres Bruders ab und verschwand in dem Steinsockel unter ihren Füßen. Eine Platte aus massivem Silber schob sich über die Öffnung. Sie hatten sie verziert, mit zwei Dreiecken, die zu einem Pentagramm vereint waren, umschlossen von einem Kreis, der von gekreuzten Schwertern durchbrochen war. Mehr hatten sie in der kurzen Zeit nicht geschafft. Schutzrunen, damit die Grabstätte nicht geöffnet werden konnte, weder von Engelswesen, noch von Menschen, noch von Höllendienern.

Die Frau legte tröstend ihre Hand auf den Arm des Mannes. »Komm, mein Geliebter. Wir müssen gehen.«

Ein leises Rieseln, das von der hohen Decke oben kam, ließ sie erschrocken zusammenzucken.

»Schnell, wir haben nicht mehr viel Zeit. Der Vulkan bei Neapel bricht aus. Die Campi Flegrei sind sehr instabil. Er wird seine Geburtswehen durch das ganze Land senden und all dies hier begraben. So wird niemand diesen Ort entdecken, bis die Zeit gekommen ist.«

Die Frau zeigte auf die Risse in der Decke, die sich nun wie in Zeitlupe absenkte, während Wellen des Bebens durch den Boden liefen.

Mit letzter Kraft sprach der Mann ein paar Worte. Die Decke stabilisierte sich, bildete eine Kuppel über der Ruhestätte ihres Bruders. Sie würde halten, für alle Zeiten und nichts würde sie zerstören können. Erschöpft sank er in sich zusammen.

Die Frau zog ihn hoch. »Komm. Du kannst dich später ausruhen.«

Gemeinsam hasteten sie zur Treppe zurück, die zurück nach oben in das Gebäude führte, das über der Gruft gebaut worden war. Die Stufen waren steil und uneben, das Vorwärtskommen war mühsam. So schnell sie konnten, stiegen sie hinauf, dem Durchgang entgegen, der in den Kellerraum des einfachen Hauses führte. Das Beben verstärkte sich. Schutt und Erdreich fiel auf sie herab. Die lose Erde war staubig und verklebte ihre Augen. Schützend hielten sie die Hände davor und tasteten sich weiter.

Ein Schrei ließ die Frau herumfahren. Steine prasselten aus der Decke auf sie herunter, rollten die Stufen hinab, rissen Teile der Treppe mit sich und verloren sich in der Dunkelheit. Der Mann aber lag auf dem Boden, klammerte sich an die Stufen, um nicht hinunter zu fallen. Sie konnte seinen stoßweisen Atem hören.

»Geliebter, was ist mit dir?«

Angstvoll lief sie die wenigen Stufen zurück. Mit Entsetzen betrachtete sie die tiefe Wunde am Bein ihres Mannes. Sie blutete stark. Knochen standen heraus. Ein offener Bruch. Tränen schossen ihr in die Augen. Das durfte nicht sein.

Verzweifelt kniete sich die Frau neben den Mann nieder. Sie war keine Heilerin. Ihre Stärke lag im Fühlen. Sie konnte die Wesen des Himmels und der Hölle spüren, wenn sie in der Nähe waren, so wie jetzt. Sie kamen, um sie zu töten. Schluchzend beugte sie sich über ihn.

»Verlass mich nicht. Nicht jetzt. Ich brauche dich.«

Aus der Wunde sprudelte das Blut in einem breiten Strom und lief die Steintreppe hinunter, färbte den Schmutz dunkelrot mit seiner Feuchtigkeit. Mit einem Fetzen ihres Kleides versuchte die Frau, die Blutung zu stillen. Vergebens.

Ein Ächzen drang aus dem Mund des Mannes. Sein Blick wurde traurig. Liebe lag darin. Er hob die blutige Hand ihrem Gesicht entgegen, legte sie auf ihre Wange. Das Blut floss zu schnell aus ihm hinaus. Er konnte es nicht stoppen.

»Ich schaffe es nicht, mich zu heilen. Du musst dich retten. Geh! Ohne dich ist alles verloren.«

Dann schloss er mit einem letzten Aufseufzen die Augen. Die Pforten des leeren Abgrunds erwarteten ihn. Das ewige Dunkel der Verbannung senkte sich auf ihn herab, löschte alles aus.

Wie erstarrt blieb die Frau neben ihm sitzen, unfähig sich zu rühren. Ihr Herz zerbarst in tausend Stücke. Ein simples Erdbeben hatte getan, was all die Engelskrieger nicht vermocht hatten. Das Beben unter ihren Füßen nahm zu. Die Treppe brach nicht weit von ihr entzwei. Ein Stein traf sie am Kopf. Das brachte sie zur Vernunft. Sie hatte noch eine Aufgabe, sie durfte hier nicht sterben.

Auf allen Vieren kroch sie die Stufen empor, durch das steinerne Tor hindurch, in den Keller des einfachen Gebäudes. Hinter ihr schloss sich die Öffnung wie von Geisterhand mit einer eisernen Platte. Nichts und niemand würde dies hier öffnen können, der nicht wie sie war. Nichts und niemand würde diesen Durchgang überhaupt erkennen können, der nicht wie sie war.

Dann brach die Decke des Gebäudes ein. Staub und Steine füllten den Raum und Wasser von der Lagune erstickte ihren Schrei. Der Tod kam schnell über sie und sie folgte ihrem Geliebten und ihrem Bruder in die ewige Leere des Abgrunds.

Oben am Rand des gezackten Loches entstand eine Bewegung. Wesen, schön und gewaltig, ihre Schwingen weiß wie Schnee und ihr Licht strahlend hell, blickten in den Krater aus Schutt und Wasser. Die Letzten waren tot. Der Auftrag des Allerhöchsten war endlich erfüllt. Sie hatten gesiegt.

Mit weit ausgreifenden Armbewegungen ebneten die Engelswesen den Schutt und legten einen Boden aus grauem Stein darüber. Dann umgaben sie den Bereich mit einer Mauer aus Backstein, so wie die Menschen für ihre Häuser sie benutzten. Den kleinen Fluss, der die Ostspitze Venedigs zerteilte, verbreiterten sie und leiteten das Wasser der Lagune hinein. Damit war ihre Arbeit getan, die Schmach von der Erde getilgt, die letzte Nephilim war tot.

Die Menschen jedoch, die sich in ihren Booten vor dem Beben auf das Festland hinüber geflüchtet hatten, kamen zurück und sahen mit Staunen die Mauer und die großen Wasserbecken anstelle ihrer kleinen Werft. Sie begannen sich eine Legende zu erzählen, wie die Mauer entstanden war, doch die ging rasch wieder verloren. Und am Ende vergaßen die Menschen, dass sie diese Mauer nicht selbst gebaut hatten, doch sie wussten etwas damit anzufangen.


Ein paar Jahrhunderte später

Lissa stand hinter der langen Bar, so wie jeden Abend, und polierte die Gläser auf Hochglanz. Ihre vollen Lippen dabei zu einem wütenden Strich zusammengepresst, was ihrem geheimnisvollen Gesicht eine finstere Note gab. Sie hasste die Arbeit in der Rooftop-Bar, die Stadt aus der sie nicht hinauskonnten, die Sonnenuntergänge, so wie heute, obwohl wunderschön, ihn, der den Sonnenuntergang beobachtete, so wie jeden Abend, seit Jahrhunderten. Es war zum aus der Haut fahren langweilig. Immer das gleiche Bild, annähernd jedenfalls, schließlich hatten sich die Zeiten geändert. Doch die Stadt war so, wie sie schon immer gewesen war, voll, laut, stressig, tagsüber. Die Menschen jedoch hatten sich kaum gewandelt. Unter der modernen Maske pochte das gleiche, ewig gierige Herz. Menschen. Sie konnte ihren Geruch nicht ausstehen. Sie konnte den Namen, den sie auf der Erde trug, nicht ausstehen. Lissa. Zuhause wurde sie Onoskelis gerufen. Das klang doch viel würdevoller, oder nicht? Der Name Lissa war eine Anpassung, damit sie unter den Menschen nicht auffiel, die ihr auferlegt worden war.

Lissa hatte jedenfalls eine furchtbar schlechte Laune. Warum genau, konnte sie auch nicht sagen. Manchmal überfiel sie das einfach, wie eine Art Depression.

Mit zusammengepressten Zähnen stellte sie die polierten Gläser in das Regal an der Wand, fein säuberlich geordnet. Und alles nur für die Touristen und vor allem die Touristinnen, die bald die elegante Bar über den Dächern von Venedig bevölkern würden. Die Touristinnen konnte Lissa am wenigsten leiden, denn sie hingen an seinen Lippen, als wäre er ein antiker Gott.

Besagter Gott stand vorne an der Brüstung und blickte versonnen über die Stadt. So wie jeden Abend, jeden verdammten Abend in den letzten hunderten Jahren. Seine schulterlangen, silberfarbenen Haare umgaben ihn, als hätte er einen Heiligenschein. Dazu der dunkelblaue Designeranzug, den er mit der Haltung eines Aristokraten trug. Seine Blässe konnte etwas unnahbar wirken, doch ein Blick in das makellose, markante Gesicht und die strahlend blauen Augen genügte, um jede Frau zu Wachs werden zu lassen, ebenso wie die erotische Ausstrahlung, die in umhüllte wie ein Mantel. Natürlich war Markus Stern kein antiker Gott. Und kaum jemand war weiter vom Göttlichen entfernt, als er.

Hüftwiegend trat Lissa neben ihn. Sie trug wie immer einen superkurzen Mini und ein tief dekolletiertes Mieder, natürlich in Schwarz, hochhackige Pumps, ebenfalls schwarz. Klischeehaft, aber genau so wie sich die Menschen eine Barfrau vorstellten. Ein wenig verrucht, sexy, mit laszivem Lächeln. Sie konnte das sehr überzeugend. Nicht umsonst war sie eine der Lieblingsschülerinnen Semjasas gewesen, als sie noch im zweiten Kreis der Hölle ihren Dienst versah. In der Verführung war sie Meisterin und ihr Meisterstück stand vor ihr. Leider war die Geschichte nicht so ausgegangen, wie sie sich das einst vorgestellt hatte.

Schweigend wandte sich Markus ihr zu und betrachtete Lissa prüfend einen kurzen Moment. Es war kein Vorwurf in seinen Augen, nur eine tiefgründige, herzzerreißende Traurigkeit.

Diesen Blick kannte nur sie und sie kannte das Geheimnis dahinter. Demütig senkte sie den Kopf und verbarg ihre Schadenfreude darüber, dass er auch ein klein wenig litt. Immerhin war er schuld daran, dass sie hier festsaßen.

»Ich bin fertig, Markus. Die Gäste können kommen.«

»Gut. Ich muss heute noch etwas erledigen. Wir sehen uns später.«

Ohne ein weiteres Wort ging er.

Lissa sah ihm misstrauisch hinterher. Was hatte er vor? Es passte ihr nicht, dass sie hierbleiben musste und er alleine wegging, aber sie konnte sich seinem Befehl nicht widersetzen. Die Aufzugstür schloss sich mit einem leisen Geräusch und sie blieb allein zurück, während die Sonne in der Lagune versank. Venedigs Abendlicht war umwerfend und sie liebte die Nacht, ihre Verruchtheit, die verbotenen Wünsche, die Leidenschaft, wenn Paare einander betrogen. Sie konnte all das fühlen, schließlich war sie einst aus den Tiefen der Hölle emporgestiegen, gesandt vom Lichtträger höchstpersönlich. Doch alles war anders gekommen, als geplant.

Die Aufzugstür klingelte erneut, die ersten Gäste kamen. Damen mittleren Alters, was sonst. Um diese Zeit war es immer stinklangweilig. Später würde es besser werden. Heute hatte sich eine Geburtstagsfeier angemeldet. Junge Leute, die für einen kurzen Trip in die Stadt gekommen waren. Die Marketingmaßnahme zeigte erste Erfolge. Ella Lordani von der Eventagentur leistete gute Arbeit. Die Rooftop-Bar war ausgebucht, bis zum August. Eine lange Saison lag vor ihnen. Das war das Lästige an einem menschlichen Leben. Sie mussten Geld verdienen, sonst wurde es sehr schnell unangenehm, nicht so sehr für sie, aber Markus Stern brauchte menschlichen Komfort und sie brauchte Markus Stern.

Lissa setzte ein höfliches Lächeln auf und stellte die Drinks zusammen, die die Besucherinnen haben wollten. Einen Spritz mit Aperol oder Cynar, am besten natürlich gefüllt mit Prosecco und, wichtig, keine Olive. Immer diese Extras.

Um zehn Uhr kam Ella Lordani mit ihrer Gruppe, zwanzig junge Leute. Lissa führte sie zu ihren Plätzen, die besten, die sie hatte. Anweisung von Markus, der die Eventmanagerin merkwürdigerweise immer bevorzugt behandelte. Lissa konnte nicht verstehen warum. Die junge Frau war ruhig, zurückhaltend, immer geschäftsmäßig gekleidet, nett, alles in allem unscheinbar. Sie strahlte keinerlei Reize aus, zumindest verbarg sie sie gut. Es wäre bestimmt kein Vergnügen, sie zu verführen.

»Guten Abend, Lissa. Danke, der Platz ist sehr schön.«

Ella Lordani schenkte der Bardame ein freundliches Lächeln, übergab ihr die Wunschliste der Gäste, diverse Cocktails und Longdrinks und ging dann wieder. Sie wurde jetzt nicht mehr gebraucht. Der Abend gehörte den Feiernden. Sie war müde und wollte nach Hause.

Lissa schnupperte unauffällig hinterher. Ja, die Frau roch nach Ehrbarkeit und Anständigkeit, das war schwer zu ertragen. Eine Prise Erotik würde ihr guttun, aber leider war Lissa die Fähigkeit der Verführung genommen worden, als sie auf die Erde verbannt worden war. Was aber Markus an dieser Frau fand, dass die Sonderbehandlung rechtfertigte, verstand sie beim besten Willen nicht. Ella Lordani bekam jeden Termin bei Markus Stern. Sie brauchte nur anzurufen.

Ella Lordani drehte sich am Lift noch einmal zu ihr um. »Ach, ist Herr Stern da? Ich habe eine Anfrage von einer amerikanischen Reisegruppe, die eine Giacomo Casanova-Tour buchen möchten, mit Übernachtung im Prigione Nuovi. Sie möchten dort Cocktails und Fingerfood geliefert bekommen und eine Führung durch die Gefängnisanlage, persönlich von Herrn Stern natürlich. Er ist ja ein großer Casanova-Kenner. Seine Art zu erzählen hat sich in gewissen Kreisen herumgesprochen.«

Lissa zog die Augenbrauen hoch. Seine Art zu erzählen, klar. Natürlich war Markus ein Kenner des Mannes, aus gutem Grund, er hatte ihn ja persönlich gekannt. Lissa wiegte den Kopf hin und her.

»Ich werde mit ihm sprechen. Was sagt denn das Fremdenverkehrsbüro zu der Idee, in den geheiligten Räumen zu übernachten?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein. Sagen Sie Herrn Stern einen Gruß von mir. Er kann mich jederzeit anrufen.«


Keine Erlösung

Gestern war es spät geworden. Die jungen Leute, die die Eventmanagerin vorbeigebracht hatte, wollten ewig nicht gehen. Manchmal war es wirklich nicht leicht. Er war müde, zumal Lissa noch ihr Recht eingefordert hatte. Etwas, das er nur schwer ertrug, dem er aber nicht ausweichen konnte. Vorsichtig rieb er sich die Stelle an seinem Hals. Es tat weh, so wie jedes Mal.

Markus Stern hob sein Gesicht der Sonne entgegen. Das Licht der Sonnenstrahlen tat gut, eine ferne Erinnerung an andere Zeiten. Der Himmel über der Lagunenstadt war heute strahlend blau, wie blankgeputzt, keine Wolke trübte das Licht. Die Schwüle der Nacht war einer angenehmen Wärme gewichen. All die Menschen, die tagsüber Venedig überrannten, waren noch nicht da. In einem Bácaro hatte er sich ein Ombra und ein Cichetto geholt. Nun saß er auf der Treppe vor dem Lokal, die zum Kanal hinunter führte, und genoss den Morgen. Nachdenklich beobachtete er die Menschen, während sie an ihm vorbeischlenderten, einen verstohlenen Blick auf seinen Wein und sein Essen warfen und dann unschlüssig von einem Lokal zum nächsten wanderten. Die Auswahl war groß, vor allem, wenn man sich nicht auskannte.

Eine Bewegung auf der Brücke, die über den Kanal führte, ließ ihn aufschauen. War das nicht Ella Lordani? Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Ja, das war sie tatsächlich. Sie war nicht allein, stellte er verblüfft fest. Bis jetzt hatte er gedacht, dass sie keinen Partner hatte, doch da hatte er sich wohl getäuscht. Der junge Mann hatte seinen Arm um sie geschlungen und drückte sie eng an sich. Er konnte ihn nicht genau sehen, aber er kam ihm ein bisschen verwahrlost vor.

Etwas störte ihn daran, aber er konnte nicht sagen, was es war. Markus schüttelte über sich selbst den Kopf. Was interessierte ihn diese Menschenfrau? Sie lieferte Gäste, das reichte für ihn. Wenn er ein erotisches Abenteuer wollte, brauchte er sich nur eine der Besucherinnen seiner Bar auszusuchen. Sie liefen ihm in Scharen nach. Das war leicht. Doch im Grunde seines Herzens wusste er, dass es ihn langweilte. Es gab einst eine Zeit, da hatte er Freude an amourösen Abenteuern gehabt und sie genossen. Doch das war schon so lange her. Jetzt musste er nur noch durchhalten, so lange, bis er endlich einen Weg gefunden hatte, sein Joch zu beenden.

Markus Stern gab den Teller und das Glas zurück und machte sich auf den Weg in die Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari. Er mochte diese von den Franziskanern geschaffene Kirche im Viertel San Polo. Sie war ein riesiger gotischer Backsteinbau, ohne viele Schnörkel, einst für die ärmeren Schichten der Bevölkerung gebaut. Tizian hatte in dieser Kirche zwei seiner besten Werke geschaffen. Eines davon, das in dem Maria von den Engeln in den Himmel getragen wurde, mochte er am liebsten.

Die Engel! Der Gedanke an sie, tat weh. Mit festen Schritten durchquerte Markus Stern die Kirche, in der es keine Sitzbänke gab und blieb vor dem großen Altar stehen. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass er noch ein paar Minuten Zeit hatte. Er nutzte sie, um sich zu wappnen.

Der Erzengel würde pünktlich um neun Uhr kommen. Michael war präzise wie ein atomgetriebenes Uhrwerk, auf die Sekunde genau und extrem nervig, weil völlig mitleidlos. Und er musste ihn treffen, jedes Jahr, immer zur selben Zeit, am selben Tag, am selben Ort. Seit Jahrhunderten. Markus Stern unterdrückte den Impuls, dem Erzengel das zu wünschen, was er verdiente. Das würde ihm keine Pluspunkte einbringen.

Hinter ihm raschelte es verhalten. Markus Stern drehte sich nicht um, er wusste sowieso, wer da stand.

Michael trat schließlich neben ihn, strafte Markus mit einem eisigen Blick.

»Also. Nun sind wir wieder hier.« Er zog einen Zettel aus seiner Anzugtasche und überflog ihn rasch.

Ein Ritual, das sich ebenfalls jedes Jahr wiederholte. Kein Gruß, nur dieses eisige Vorlesen seiner Sünden.

»Ich sehe, du gibst dir Mühe. Kaum Verfehlungen. Deine Liste überführter Dämonen ist ausreichend. Etwas mehr Fleiß wäre schön. Du hast ein paar Damen glücklich gemacht, aber sie haben sich nicht über dich beschwert. Darüber kannst du froh sein, es wäre sonst ein schwerer Verstoß. Du weißt, dass Engel keinen körperlichen Umgang mit Menschen pflegen dürfen. Doch der Unzuchtparagraph wird demnächst aufgehoben, deshalb lass ich es gut sein.« Michael strich ein paar Details von seiner Liste und warf einen strengen Blick in Markus Gesicht.

»Du machst dich. Aber du solltest an deinem Gute-Taten-Register arbeiten.« Der Erzengel steckte die Liste zurück in seine Jackettasche und lächelte bemüht.

»Wie lange noch?«, fragte Markus Stern und unterdrückte den Wunsch, Fragen zu stellen, was denn diese plötzliche Freundlichkeit sollte.

»Ein wenig. Der Allerhöchste ist noch nicht zufrieden.«

Der Allerhöchste? Markus Stern wusste genau, dass der Allerhöchste anderes zu tun hatte, als sich um ihn zu kümmern. Es war eine Entscheidung der zweiten Triade, genaugenommen der Potestates, ihm zu verzeihen. Die himmlischen Verwalter hatten eine Menge Freude daran, lange Listen von Verfehlungen anzulegen und unsinnige Gesetze zu erlassen. Ohne Fürsprecher würde er niemals erlöst werden, da konnte er noch so gute Arbeit leisten.

Eine Art Mutlosigkeit setzte sich in seinem Herzen fest. Er fasste unwillkürlich an seinen Hals. Die Wunde schmerzte noch immer.

Erzengel Michael zog die Augenbrauen hoch. Mit einer raschen Bewegung schob er Markus Hand beiseite.

»War sie das?«

»Schon gut, nicht so schlimm«

Er spürte die kühlen Finger des Erzengels an seinem Hals. Der Schmerz ließ sofort nach. Michael war ein Heiler und nicht nur der Krieger unter den obersten Booten Gottes.

Markus befühlte seinen Hals. Die Wunde war verschwunden. Zum Glück musste er Lissa nur alle zwei Wochen ertragen.

»Danke«. Markus Stern wollte gehen. Ein weiteres Jahr auf Erden war ihm auferlegt worden. Ein weiteres Jahr seinem Auftrag nachkommen. Der Erzengel brauchte es nicht auszusprechen. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, konnte er nicht unterdrücken.

»So sei es, Markus Stern. Ich rate dir, deine Prioritäten zu überdenken. Treffe die richtige Entscheidung und dein Wunsch wird sich erfüllen.« Mit einem leisen Rascheln verschwand Michael wieder. Die umstehenden Menschen hatten davon nichts wahrgenommen. Sie sahen lediglich Markus Stern, den reichen Barbesitzer und Frauenheld betend vor dem Altar stehen.

Markus wandte sich um, ohne das Gemälde Tizians eines Blickes zu würdigen und verließ fluchtartig die Kirche. Was hatte der Erzengel damit gemeint? Warum war er dieses Mal so freundlich gewesen? Das weckte das Misstrauen in ihm. Er musste auf der Hut sein. Irgendetwas war geschehen im Himmel.

Draußen hatte sich der Platz vor der Kirche mit Gruppen von Touristen gefüllt, die um ihre Fremdenführer herumstanden und andächtig dem lauschten, was ihnen über das Gotteshaus erzählt wurde.

Markus Stern machte einen Bogen um sie. Er musste in die Bar, die um zehn Uhr öffnete. Es gab noch einiges zu tun und obwohl er ja genügend Angestellte hatte, machte er viele Dinge selbst.

 

»Markus.« Lissa saß an einem der vordersten Tische und rauchte genüsslich eine ihrer Zigarillos. »Wo warst du gestern?«

Hatte er da einen Ton der Verstimmung gehört?

»Lissa, wir sind aneinander gebunden, aber ich bin nicht dein Schoßhündchen.« Es klang schärfer, als er beabsichtigt hatte. Das Gespräch mit dem Erzengel wirkte wohl noch nach.

»Schlechte Laune! Du hast es versaut.« Lissa stieß den Rauch in einer großen Wolke aus. Sie war sauer. Solange Markus hier festhing, konnte sie auch nicht zurückkehren. Sie war es so leid.

»Was war es dieses Mal? Deine Affären? Ich hab dir gesagt, dass das Minuspunkte gibt.«

»Nein, der Paragraph wurde wohl kürzlich gestrichen. Das war es nicht. Bist du etwa eifersüchtig?«

Lissa drückte ihr Zigarillo aus und stand auf. »Klar doch, eifersüchtig. Du kannst tun und lassen, was du willst, solange du unsere Erlösung nicht gefährdest. Was war es dann?«

»Keine Ahnung. Willkür vielleicht.« Markus Stern strich sich mit einer eleganten Handbewegung eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Sehnsüchtig beugte Lissa sich vor. Die Wirkung auf sie war immer noch stark und das nach all den Jahrhunderten. Wie musste sich das dann für die Menschenfrauen anfühlen. Immerhin war sie eine Dämonin und hatte gegen Markus Sterns Ausstrahlung viel mehr Abwehrkräfte.

»Lissa? Was tust du denn da?«

»Ich kann nichts dafür. Du bist einfach zu sexy.« Sie zog ihm einen Schmollmund und stand auf.

»Wenn du keine besseren Neuigkeiten hast, ich muss mich ein wenig ausruhen. ... Ach ja, Ella Lordani war gestern da. Sie hat da eine neue Event-Idee. Du solltest sie anrufen.«

Mit Argusaugen beobachtete Lissa das Mienenspiel von Markus, doch der zeigte keine Regung. Es beruhigte sie, obwohl sie nicht verstand, warum sie sich Sorgen machte.

»Ich rufe sie an. Heute Nachmittag.« Markus stand auf. Eigentlich hätte er die Eventmanagerin am liebsten gleich angerufen, denn in ihrer Nähe fühlte er sich immer so, als gäbe es keine Sorgen, doch er wollte sie nicht stören. Vielleicht war es aber auch der irritierende Gedanke, sie könnte eine Liebesbeziehung mit einem anderen haben, dass er den Anruf verschob.


Informationen

Natürlich musste Lissa sich nicht ausruhen. Sie war schließlich eine Dämonin und musste nicht schlafen. Erstaunlich, dass Markus das nicht bemerkt hatte. Das Treffen mit dem Erzengel hatte ihn wohl doch mehr mitgenommen, als er vor ihr zugeben wollte. Ja, die Erzengel waren ganz schön beeindruckend, aber in der Hierarchie des Himmels nicht die mächtigsten Geschöpfe. Sie gehörten ja nur der dritten Triade an, aber sie hatten schon immer einen Sonderstatus gehabt und standen sogar den Seraphim vor, die ja immerhin zur ersten Triade gehörten. Das grämte so manchen der höheren Engel sehr und verletzte seinen Stolz. Lissa grinste verstohlen. Die Himmelsgeschöpfe waren von den Höllengeschöpfen gar nicht so verschieden, nahm man die gloriose Ausstrahlung und ihre Schönheit weg. All die niedrigen Beweggründe, die man den Menschen immer als Sünden anlastete, gab es auch bei ihnen, wenn sie das auch gut verbargen. War nicht Erzengel Michael besonders stolz darauf, dass er den Lichtträger mit seinem Schwert bezwungen hatte? Sie jedenfalls konnte diesen blasierten Engel kein bisschen leiden.

Lissa zündete sich mit einem Schwefelhölzchen ein Zigarillo an und schnupperte noch ein paar Sekunden dem Schwefelgeruch hinterher. Dieser Duft weckte eine tiefe Sehnsucht in ihr, doch für derartige Sentimentalitäten hatte sie jetzt keine Zeit.

Rasch folgte sie den schmalen Gassen, die vom Viertel San Marco auf die Nordseite von Venedig führten. Die Fondamenta Nuove war um diese Zeit nicht sehr bevölkert. Die kleinen Restaurants zum Teil noch geschlossen. Sie blieb kurz stehen und warf einen Blick hinüber auf die Friedhofsinsel. Das Wasser in der Lagune war heute graugrün und kabbelig. Weiter draußen hatte es wohl einen Sturm gegeben. Große Möwen kreisten um vorbeifahrende Boote, auf der Suche nach einem Happen. Sie ging weiter, über die Brücke der Uferpromenade, bis zum langen Metallsteg, der an der Rückseite des Arsenale, der großen alten Schiffswerft Venedigs, entlangführte. Auf dem Gelände an der anderen Seite des Steges gab es ein paar Einfamilienhäuser und Werkstätten, die auch für Ausstellungen genutzt wurden. Die Pracht suchte man hier vergebens. Das war wohl der Grund, warum es sehr still in diesem Stadtteil von Venedig war, denn die Tagestouristen verirrten sich selten hierher.

Sorgsam sah sie sich um, bevor sie den Metallsteg betrat. Unter ihr schwappte graugrün das Wasser der Lagune, rechts erhob sich die alte zinnenbewehrte rotbraune Backsteinmauer, durchsetzt mit Moosen und Flechten. Die Mauer ging um das ganze Gelände herum und schottete es nach außen hin ab. Hinein kam man nur mit einem Schiff über den Kanal, oder durch das prächtige Eingangsportal auf der anderen Seite. Sie konnte sich noch an Antonio Gambello erinnern, der das Portal erbaut hatte. Zu jener Zeit waren sie schon Venedig zugeteilt gewesen. Markus hieß damals noch anders. Den Namen Markus Stern hatte er sich erst zugelegt, als Personalausweise eingeführt worden waren. Es war ziemlich teuer gewesen, einen Fluch darauf zu legen, damit die Menschen nicht merkten, dass er nicht alterte. Das war auch so eine hinterlistige Verordnung der Engel, denn Markus beging damit die Sünde des Betruges und die bekam er jedes Jahr aufs neue angerechnet. Gerechtigkeit sah in Lissas Augen anders aus. Noch ein Grund, warum sie die Himmelsgeschöpfe nicht ausstehen konnten. Die Höllenwesen logen auch, aber sie beschönigten es nicht und bogen sich vor allem ihre Gesetze nicht zurecht, so wie sie es gerade brauchten.

In etwa der Mitte des Steges blieb Lissa schließlich stehen. Hier gab es einige hohe Fenster, durch die sie in das große Areal hineinsehen konnte, riesige Säle, in denen früher Seile gedreht, Segel genäht und Kriegsschiffe gebaut worden waren. Heute war das Ganze eine archäologische Stätte und Museum für die Besucher der Lagunenstadt. Nachts jedoch war hier mehr los, als tagsüber, denn hier war der Treffpunkt der Genii Loci, der regionalen Geisterwesen, die Venedig als ihre Wohnstatt betrachteten. Außerdem kamen die Höllendiener hierher, weil hier ihre Residenz war. Sie zog sachte an ihrem Zigarillo und betrachtete mit halbgeschlossenen Augen die Szenerie.

Das Arsenale hatte sie schon immer angezogen. Es fühlte sich gut an, hier zu stehen und die Aura des Gebäudes zu fühlen. Ein würdiger Ort für die Höllenwesen, denn schon im Mittelalter wurde die Werftanlage mit der Hölle verglichen, wegen ihres Schmutzes, ihrer Hitze und hektischen Betriebsamkeit.

Nachts kam Lissa allerdings nie hierher, denn als Ausgestoßene war sie Freiwild für die Höllenwesen. Sie konnten sie zwar nicht töten, aber sie konnten sie quälen und darauf hatte Lissa keine Lust.

Die Bemerkung von Markus über die anstehenden Gesetzesänderungen beschäftigte sie ziemlich. Was war da los? Sie musste unbedingt herausfinden, was das bedeutete und es gab nur einen, der ihr dazu etwas sagen konnte. Ausgerechnet der Unzuchtparagraph! Das Gesetz, welches den Gefallenen eine Verbannung auf die Erde und in die Hölle eingebracht hatte. Die alten Traditionalisten, sowohl im Himmel, als auch in der Unterwelt würden diese Verordnung niemals freiwillig aufheben, bescherte er ihnen doch jede Menge Seelen, reine und unreine. Bedeutete das, dass die Auseinandersetzung mit den Reformern in eine neue Phase eintrat? Die Auseinandersetzung dauerte ja nun schon Jahrhunderte und wurde vor allem mit den Mitteln der verdeckten Kriegsführung geführt, also Sabotage, Spionage, Lüge und was noch so dazugehörte. ...



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